Fachkräfte händeringend gesucht?

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Kommentar/Meinung – Fachkräfte händeringend gesucht, diesen Satz hört man bereits seit einigen Jahren regelmäßig in den Medien. Die Wirtschaft brummt, die Auftragslage ist ausgezeichnet, die Arbeitslosenzahlen stehen auf historischem Tiefstand – Deutschland geht es gut.

Beim Lesen eines Artikels im Netz zum Thema Fachkräftemangel bin ich auf den Kommentar eines Elektriker-Meisters gestoßen. Kurz umrissen gab er an Inhaber eines „größeren Elektriker-Betriebs“ zu sein. Er suche händeringend handwerkliche Fachkräfte, könne aber trotz dem „überdurchschnittlich guten Gehalt“, welches er bezahlen würde, keine Fachkräfte finden. Er schrieb weiter, dass sich seine Aufträge nicht mehr abdecken ließen, deshalb müsse er auf Leiharbeitskräfte zurückgreifen. Es waren viele Kommentare unter dem Beitrag des Elektrikers, die Mehrzahl davon beschwerte sich über die „dumme und faule Jugend von heute“, „Kuschelpädagogik“, Helikoptereltern und vielem mehr.

Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer. (Sokrates, 469 v. Chr. – 399 v. Chr.)

Mein erster Gedanke: Hm! Es stellt sich mir spontan die Frage, warum jemand für eine Leiharbeitsfirma arbeiten sollte, wo (wie allgemein bekannt) ein wesentlich geringeres Entgelt bezahlt wird und oft prekäre Bedingungen herrschen, wenn doch überall im Land „händeringend“ Fachkräfte für gute Löhne gesucht werden?

Ich selbst bin in einer festen Vollzeit-Beschäftigung und suche auch keine neue, aus reinem Interesse wälze ich dennoch ab und zu die Stellenanzeigen. So viele Gesuche, wie man eventuell bei der allgemeinen Stimmung eines Fachkräftemangels erwarten könnte, finde ich überrascht nicht vor – aber viele interessante Konstellationen…: Gärtner mit Abi gesucht, Maurer mit Studium gewünscht, Vollzeit-Koch auf 450€-Basis, Azubi mit C++-Erfahrung, „…Praktikant*in zum dauerhaften Einsatz in unserem Büro (…) Student*innen bevorzugt“, … Der Höhepunkt war eine Annonce zum IT-Administrator mit einer 0900-„Bewerbungshotline“ für 3,00 € pro Minute. Man muss aber auch bereit sein, in seine Karriere zu investieren, richtig?

Irgendwo in einem Bereich zwischen Schlagzeilen wie:

…steht irgendetwas von der Jugend, die zu dumm und zu faul ist, eine Bäcker-Ausbildung für Gehaltsaussichten von 800,- € netto monatlich nach der Lehre zu absolvieren.

Fachkräftemangel, Azubi-Mangel und „die Anderen“

Es vergeht auch kein Jahr, in dem sich Betriebe nicht über den „Azubi-Mangel“ beschweren. Der Mangel an Lehrlingen ist mir schon lange ein Rätsel – dem DGB übrigens auch. So kenne ich viele qualifizierte(!) junge Menschen, die händeringend einen Ausbildungsplatz suchen, die bereit sind eine Stufe tiefer zu beginnen oder einfach „etwas anderes“ machen würden. Ein Lehrling mit C++-Erfahrung? Möchte man wirklich ausbilden, oder einen qualifizierten Mitarbeiter für lau? Ein Student als Praktikant zum dauerhaften Einsatz – in Vollzeit?? Neulich in einer Wirtschafts-Spalte entdeckt: „Menschen mit Abitur, Studium und Andere…“ – der klägliche Rest? Auch liest man häufig von nicht „ausbildungsreifen“ Jugendlichen, die weder Lesen und Schreiben noch Rechnen können? Ich wusste gar nicht, dass man in Deutschland so versetzt bzw. überhaupt die Schule verlassen kann?? Das angebliche Massenphänomen junger Analphabeten oder Voll-Legastheniker ging jedenfalls an mir bisher komplett vorbei.

Ich gebe zu, das Thema Fachkräftemangel war für mich bislang neutral. Es ist natürlich schlecht für die Wirtschaft, damit auch für die Zukunft von uns allen. Die Ursachen könnten demographischer Natur, oder noch andere Faktoren sein. Wenn das aber Standard ist, sehe ich den Fachkräftemangel als eine hausgemachte Folge.

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